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Freitag, 2018-11-16

Helgoland

Eine Regatta auf der Offset von Jürgen Waschek

1999 sollte parallel zur Nordseewoche die Deutsche Meisterschaft im Seesegeln stattfinden. Hierzu gehört eine Langstreckenregatta von etwa 100 Seemeilen. Diese sollte als Zubringerregatta von Cuxhaven nach Helgoland dienen. Sie war die erste Regatta der Serie und ihr Startschuss sollte Freitagabend 21°° Uhr erfolgen. In unserer Klasse IMS II rechnete man mit 15 Startern. Eine Woche vor der Meisterschaft sagte plötzlich eine Truppe von Schiffen gemeinschaftlich ab. Ursache, so munkelte man, war die zu starke Konkurrenz. Übrig blieben vier gemeldete Boote. Von diesen vier blieb eines wegen mangelnder Konkurrenz gleich auf der Ostsee, eines kam zwar nach Cuxhaven, sagte dort aber aus dem gleichen Grund ab.

Wir waren also letztendlich zwei Boote in IMS II. Die kleinere Klasse wurde wegen mangelnder Beteiligung gar nicht erst gestartet.

Freitag Nachmittag bot uns unser einziger Konkurrent an, die anstrengende Langstrecke ausfallen zu lassen und mit den restlichen Schiffen am nächsten Morgen direkt gen Felsen zu segeln. Verständlich, denn das Gegnerboot war ein 30 Fuß High-Tech-Racer ohne jeglichen Komfort. Mit acht Personen auf der Kante wird es bei 120 sm recht ungemütlich. Außerdem ist der Spaßfaktor bei kleiner Teilnehmerzahl sehr gering.

Wir waren nicht sehr begeistert, da unser gesamtes Gepäck samt Schlafsäcken aus Gewichtsgründen schon vorzeitig nach Helgoland geschickt war. Aus Fairness gingen wir auf den Deal ein.

Nachmittags trafen die Boote der Zubringerregatta Wedel-Cuxhaven ein. Nichts Böses ahnend ließ ich mich auf ein Bier einladen, als plötzlich Ollie aus meiner Mannschaft anrief. Man hatte sich entschieden doch zu segeln, allerdings als einziges IMS II-Boot, gewertet in der größeren Klasse IMS I, die genug Starter aufzuweisen hatte. Mit dem Bier in der Hand und gerade noch den sonnigen Abend genießend freute ich mich eher mäßig.

Die Offset von Jürgen Waschek in voller Schönheit

Gegen 21.00 Uhr trieben wir endlich gemeinsam mit den "Großen" in die Dämmerung. Die erste zu nehmende Marke war eine Bb-Fahrwassertonne auf der anderen Seite der Elbe. Die meisten Schiffe erkannten das Problem des starken Stromes von etwa vier Knoten und des schwachen NNW-Windes erst sehr spät. Man wurde an der Tonne vorbeigeschoben, ohne sie zu passieren. Lediglich "Schini" und "Jeantex" schafften die Tonne mit Ach und Krach. Für alle anderen hieß es möglichst schnell den Anker auszupacken und zu versenken, was in den meisten Fällen ein panisches Chaos an und unter Deck brachte. Auch wir blieben davon nicht verschont. Unser Anker lag mittschiffs in einem Segelsack an den Salontisch gebändselt. Ergebnis unserer Eile war zwar ein zerschnittener Segelsack, aber auch eine gute Position etwa 100 m hinter der Tonne. Vor uns nur noch "Rubin XV" und "ProSail". Ab und zu löste sich ein Anker und panische Gesichtsausdrücke trieben schnell achteraus. Teilweise verfing sich zusätzlich ein losgerissener Anker in einer anderen Ankerleine, was zu allgemeiner Hektik und üblen Beschimpfungen führte. Der Wind legte glücklicherweise etwas zu und so näherten wir uns unter Spinnaker ganz langsam der Tonne. Die beiden Glückskinder waren schon lange nicht mehr auszumachen. Mittlerweile hatten auch "Rubin" und "ProSail" die Hürde geschafft und rasten an uns vorbei in die Dämmerung, bis sie außer Sicht waren. Die Meter bis zur Tonne kamen uns vor wie eine Ewigkeit, doch wir triumphierten, als auch wir den ankernden Pulk hinter uns ließen.

Stunden später überholte uns "Struntje light", die "Ex-Rubin XIV". Sie hätte uns zu diesem Zeitpunkt schon über eine Stunde abnehmen müssen. Der Kurs gen Felsen war nicht direkt, weil ja einige Meilen gerissen werden sollten. Endlich tauchte der Lichtschein des Helgoländer Leuchtturms auf und ich freute mich auf meinen Schlafsack, sofern er denn auf der Insel war. Diese Hoffnung war absolut fehl am Platz. Anstatt auf die Insel zuzusegeln, passierten wir sie südlich in Richtung Westen. Es dämmerte mittlerweile und die letzten Großen kamen hinter uns wieder in Sicht. Nach der nächsten Tonne war Helgoland wieder voraus, allerdings nicht für lange Zeit. Nahe des Felsens erklärte Navigator Ollie, dass nun eine 18-Meilen-Kreuz Richtung NW folgen würde. Ein Tiefschlag für die schon etwas fröstelnde Mannschaft - allerdings taktisch gut hinausgezögert, da unsere Motivation bis kurz zuvor noch einigermaßen stimmte. Nun hieß es sich in den Relingsdraht zu hängen, einzuschlummern und zu hoffen, dass es bald vorbei sein würde. Nach einiger Zeit wachte ich mit dem Gefühl auf, schon gut vorangekommen zu sein. Ich fragte nach der nächsten Wende und der Distanz zur Tonne. Welch Fehler! 17,2 Meilen war die schockierende Antwort. Dieses grausame Spiel wiederholte sich leider noch öfter. Irgendwann - es war jetzt hell - tauchte ein weißer großer Spinnaker am Horizont auf. Er gehörte "Rubin", die von der - für uns unerreichbar scheinenden - Tonne zurückkam.

Auch wir schafften die Kreuz mit den letzten Gegnern zwar voraus, aber in sicherer Sichtweite. Unter leichtem Spinnaker ging es nun in Richtung Düne. Jürgen, der die ganze Zeit durchgesteuert hatte, durfte sich als einziger hinlegen. Sein Schläfchen war allerdings nicht von langer Dauer. Der Wind frischte auf und ein Spinnakerwechsel stand an. Hierzu war das gesamte Deckspersonal nötig.

Kurz vor zwölf und zehn Minuten nach dem Vorletzten erreichten wir das Ziel vor der Reede. Der Rest der Mannschaft verschwand sofort im Hotel. Ich armer Zivi schlief als einziger an Bord. Zum Glück fand ich meinen Schlafsack bald. Unter Deck war es klamm von den Segelwechseln, aber mein Schlafsack war trocken - der Rest war mir egal.

Stefan Karsunke